Der erste Weltraumspaziergang – und wie er zwei Astronauten fast das Leben kostete

27-12-2016 03:54:29 Autor:   Vision Times Kategorien:   Weltall , Geschichte

Der Raumanzug, den Alexei Leonov während des ersten menschlichen Weltraumspaziergangs trug, ist heute im Smithsonian National Air and Space Museum zu sehen. (Bild: Nijuuf via Wikimedia CC BY 3.0)

Wir kennen wahrscheinlich alle die Unfälle der großen Raumschiffe wie Challenger und Apollo 13. In ihrem Schatten stehen jedoch einige Unfälle, die lange vertuscht wurden. Raumfahrt ist enorm gefährlich und verlangt von den Piloten Mut, der für manche vielleicht schon an Verrücktheit grenzt.

Am 18. März 1965 saßen die beiden Kosmonauten Alexei Leonov und Pavel Belyayev in dem russischen Raumschiff Voskhod 2, als sie in ihrer historischen Mission in den Orbit schossen. Die Rakete wurde auf ihrem Trip von unzähligen Störungen und Fehlern heimgesucht. Doch der gefährlichste Fehler lag nicht in der Rakete, sondern im Raumanzug.

 

Sowjetische Briefmarke. (Bild: paukrus via flickr / CC BY-SA 2.0)

 

Nachdem die beiden Raumfahrer die Erde einmal umrundet hatten, bekam Leonov das Startsignal für seinen Weltall-Ausflug. Leonov sollte der erste Mensch sein, der ein Raumschiff verlässt und nur in seinem Anzug im All schwerelos gleitet. Er erinnert sich noch gut an den Moment, als er die Luke öffnete und frei ins All schwebte. Der britischen Wochenzeitung The Observer sagte er:

Es war so still, dass ich sogar meinen Herzschlag hörte. Um mich herum waren Sterne und ich schwebte ohne große Kontrolle. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Ich spürte da auch ein enormes Verantwortungsbewusstsein. Was ich natürlich nicht wusste, war, dass es einer der schwierigsten Momente meines Lebens werden würde, zurück in die Kapsel zu kommen.

Grafik der russischen Voskhod 2. EVA Airlock ist der Ausgang, die „Luftschleuse“, über die Leonov das Raumschiff verließ. (Bild: Wikipedia / CC0 1.0)

 

Im All war Leonov lediglich über ein fünf Meter langes Kabel mit dem Raumschiff verbunden. Doch bereits kurz nach dem Ausstieg merkte er, dass etwas nicht stimmte. Nur Minuten, nachdem er das Raumschiff verließ, begann sich sein Druckanzug aufzublasen wie ein Ballon. Das machte seine Arbeit für ihn fast unmöglich. Leonov erinnert sich:

Mein Anzug verformte sich. Meine Füße waren nicht mehr in den Stiefeln, meine Hände nicht mehr in den Handschuhen. Der Anzug fühlte sich ganz lose an um meinen Körper. Ich musste etwas unternehmen.

Doch das Schlimmste sollte erst noch kommen. Nach 12 Minuten außerhalb des Raumschiffes hatte Leonovs Raumanzug sich so sehr aufgeblasen, dass er nicht mehr durch die Luke zurück ins Schiff passte. Er war gefangen im All.

Ich konnte mich nicht mehr an dem Kabel zurückziehen. Und wegen des deformierten Raumanzuges passte ich auch nicht mehr durch die Luftschleuse.

Zeitgleich raste das Raumschiff auf den Erdschatten zu. Mit Grauen erkannte der Kosmonaut, dass er in fünf Minuten in totaler Dunkelheit sein würde. Verzweifelt öffnete er ein Ventil im Inneren des Anzugs. So entwich der Sauerstoff, aber es konnte auch etwas von dem Druck im Anzug abgebaut werden.

 

Alexei Leonov, der erste Mann, der im All spazierte, heute. (Bild: FB.ru)

 

Leonov war gefährlich nahe daran, zu ersticken. Und wegen des defekten Anzuges konnte er sich kaum noch zurück in die Kapsel zwängen.

Nadeln stachen in meine Beine und Hände. Ich war in einer wirklich gefährlichen Situation und wusste: Das könnte fatal sein!

Mit dem Kopf voran schaffte Leonov es in die Kapsel. Es gelang ihm, die Luke hinter sich zu schließen. Dann ließ er sich in den Sitz neben Belyayev fallen, vollkommen erschöpft von der Tortur.

Das war am allerschwierigsten: Ich war in diesem Anzug gefangen, musste mich in der Luftschleuse aber umdrehen. Ich war in Schweiß gebadet. Ich konnte gar nichts sehen.

Doch im All ist man nie wirklich in Sicherheit. Auf fatale Weise ist man davon abhängig, dass die Technik fehlerlos funktioniert. Als die Luftschleuse nicht mehr gebraucht wurde, wurde sie abgeworfen, so war es auch geplant gewesen. Doch die Explosion brachte das gesamte Raumschiff ins Schleudern. Die beiden Kosmonauten verloren die Orientierung. Während das Raumschiff rotierte, zeigten gleichzeitig die Messgeräte an, dass das Oxygen-Level alamierend schnell stieg.

Sieh dir diesen Schwarz-Weiß-Film mit Aufnahmen des „Spacewalk“ an:

 

Erst nach mehreren Stunden gelang es Leonov und Belyayev, die Oxygen-Werte herunterzuschrauben. Damit verhinderten sie eine Feuersbrunst im Raumschiff, welche die beiden Männer umgebracht hätte. Als endlich die Werte wieder normal waren, war die Voskhod 2 bereit, wieder zur Erde zurückzukehren.

Zum Glück erzeugten die Maschinen keine Funken. Ein Funke hätte für eine riesige Explosion genügt und wir wären beide verdampft.

Während der Checks für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre stellte sich heraus, dass das automatische Re-Entry-System nicht funktionierte. Die Kosmonauten mussten die Re-Entry-Raketen manuell starten. Das Manöver hätte eigentlich die Landekapsel, in der Leonov und Belyayev saßen, vom Orbital-Modul des Raumschiffs trennen müssen. Leonov erzählt:

„Ein paar Sekunden nachdem der Motor angeschmissen war, spürten wir einen Ruck. Das Orbital-Modul hatte sich von unserer Kabine getrennt, aber irgendetwas war schief gelaufen.“

Da war eine zerrende Kraft, die uns nach hinten riss! Ich schaute aus dem Fenster und sah, dass das Orbital-Modul über ein Kommunikationskabel noch mit unserer Landekapsel verbunden war. Im Ergebnis drehten sich beide Module mit hoher Geschwindigkeit, während wir steil auf die Erde schossen!

Voskhod 2 ging seiner Auflösung entgegen und anscheinend mit ihr die Astronauten, die an ihr festhingen. So sah es jedenfalls aus. Beim Eintritt in die Erdatmosphäre entstand dann jedoch glücklicherweise eine so große Hitze, dass das Kommunikationskabel einfach durchbrannte. Die Landekapsel war nun endlich frei und die Fallschirme öffneten sich.

Sieh dir das Interview mit Leonov an (Untertitel in Englisch):

 

 

Durch die heftige Rotation verfehlte die Voskhod 2 ihr eigentliches Ziel um 2.000 Kilometer. Sie landete im sibirischen Wald. Zwei Tage lang waren die Kosmonauten in der kleinen Kapsel eingezwängt, während die Temperaturen unter 0°C sanken. Dann kam die Rettungseinheit und befreite sie. Endlich in Sicherheit! Leonov sagte:

Zwei kalte Nächte waren wir im Wald. Wir trafen zwar keine Wölfe oder Bären, aber wir wussten: Da sind viele in der Nähe. Es war gerade Frühling, da sind sie aggressiv. Schon wieder hatten wir riesiges Glück!

Die Zwei-Mann-Crew der Voskhod 2: Alexei Leonov (links) und Belyayev (rechts) (Bild: RIA Novosti)

 

Fünf Jahre nach dem Weltraumeinsatz starb Belyayev an einer Bauchfellentzündung (Peritonitis). Leonov blieb der Raumfahrt treu und wurde einer der angesehensten Kosmonauten. Zu dem Zeitpunkt wurde die Voskhod 2-Mission bereits als kompletter Erfolg gefeiert. Wie knapp die Mission allerdings dabei einem Desaster entging, wurde erst viele Jahre später bekannt.

 

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