Tanzen bis zum Umfallen: Die Tanzkrankheit erklärt

12-11-2016 02:49:38 Autor:   Vision Times Kategorien:   Mystery , Geschichte

Nicht immer so friedlich wie hier: Im Mittelalter kam es zur rätselhaften Tanzkrankheit. (Bild: Pixabay CC0 1.0)

Das Tanzen bis zum Umfallen oder im englischsprachigen Raum Tanzen bis zum Tod ist ein altbekanntes Sprichwort. Doch wie könnte ein Mensch bis in den Tod tanzen? Tatsächlich ist es ein Phänomen in der Geschichte. Im Jahr 1374 war das erste Mal von der Tanzwut die Rede, einer Krankheit, die mehrere mittelalterliche Dörfer entlang des Rheins in ihren Bann zog. Die Krankheit führte zu einem qualvollen Tanzzwang.

Die Tanzsucht, auch Choreomania oder Tanzplage, heute meistens Tanzwut genannt, trat erstmals entlang des Rheins auf. Springend, zuckend, tanzend bewegten sich die Leute zu einer Musik, die nur sie selbst hören konnten.

Es wird berichtet, dass die Tänzer nicht aufhörten, ehe ihre blutigen Füße sie nicht mehr trugen. Innerhalb einiger Wochen hatte sich die tödliche Plage in Gebieten Nordostfrankreichs und den Niederlanden ausgebreitet. Es dauerte einige Monate, bis die Tanzkrankheit sich legte, dann war sie plötzlich so schnell verschwunden, wie sie gekommen war.

Eine der merkwürdigsten Krankheiten der westlichen Geschichte. (Bild: AskMen via Screenshot/YouTube)

 

Von Tanzwutepedemien sowie kleineren Vorfällen der Tanzwut wird vom 14. bis zum 17. Jahrhundert berichtet. Die Krankheit trat in verschiedenen, lokal eingegrenzten Gebieten Westeuropas auf. Weder zum Essen noch zum Schlafen wollten die Menschen mit dem Tanz aufhören, und das für Tage. Das macht die Tanzepedemie zu einer der merkwürdigsten Krankheiten der westlichen Geschichte.

Nach dem Ausbruch von 1374 gab es im folgenden Jahrhundert nur wenige isolierte Tanzkranke, bis im Sommer 1518 die elsäßische Stadt Straßbourg betroffen war. Es begann mit einer Frau namens Madame Troffea, so heißt es, die fieberhaft-tranceartig auf der Straße tanzte.

Ein Bericht gibt an, dass die Straßburger Tanzwut täglich etwa 15 Menschen tötete. (Bild: AskMen via Screenshot/ YouTube)

 

Innerhalb einer Woche waren 34 Stadtbewohner von der Plage ergriffen, die meisten von ihnen waren Frauen. Am Ende des Monats soll die Zahl auf 400 Tanzende gewachsen sein. Wieder tanzten die Menschen, bis es nicht mehr ging. Wahrscheinlich starben einige an Herzinfarkt, Schlaganfall und Übermüdung. Ein Bericht gibt an, dass die Straßburger Tanzwut täglich etwa 15 Menschen tötete.

Einige besorgte Adelige wandten sich mit dem Problem an die Mediziner. Sie sollten die Krankheit untersuchen. Astrologische oder übernatürliche Ursachen schlossen die Ärzte schnell aus. Die Tanzplage sei eine „natürliche Krankheit“, hervorgerufen durch „heißes Blut“. Man war der Meinung, dass die Tänzer am ehesten wieder normal werden würden, wenn man sie gewähren ließe. Um die Heilung zu beschleunigen, wurden sogar Musiker angeheuert, die dafür sorgen sollten, dass die Betroffenen sich weiter bewegten. Die Behörden förderten also das Tanzen und machten so die Krankheit selbst zur Therapie. Sie stellten zwei Hallen und einen Kornmarkt zur Verfügung und ließen extra eine Holzbühne errichten.

Die Behörden förderten das Tanzen. (Bild: AskMen via Screenshot/YouTube)

 

Schließlich, wie auch zuvor schon, verschwand das Tanzphänomen so plötzlich, wie es gekommen war.

Gar nicht lange vor dem Ausbruch der Straßburger Tanzwut trat ein psychologisch ähnlich merkwürdiges Phänomen in einem Frauenkloster in den Niederlanden auf. Im Jahr 1491 wird von mehreren Nonnen in diesem Kloster berichtet, die „von teuflischen Kräften“ besessen wären.

Die Nonnen wären „herumgerannt wie Hunde“, in der Nachahmung von Vögeln seien sie von Bäumen gesprungen und den Baum wären sie vorher hochgeklettert wie eine Katze. Diese Art von „Besessenheit“ trat nicht nur bei Nonnen auf, allerdings sollen sie überproportional oft betroffen gewesen sein.

Innerhalb der nächsten 200 Jahre sind von Rom bis Paris Hunderte Fälle erfasst, in denen Nonnen in ein hysterisches Delirium verfielen. Die Symptome wurden immer ähnlich beschrieben: Schaum vor dem Mund, Schreie und Krämpfe, unanständige Angebote an Exorzisten und Priester sowie Häresie (Beziehung zum Teufel). Quellen dieses Phänomens sind vor allem ärztliche Notizzettel, Strafpredigten und regionale Chroniken.

Was hat es nun mit diesen psychotischen Anwandlungen im Mittelalter auf sich? Mit der Tanzwut beschäftigen sich Forscher und Chronisten seit Jahrhunderten immer wieder. Lange Zeit war die populärste Theorie, dass die Krankheit durch von Mutterkorn verseuchtem Brot hervorgerufen würde. Mutterkorn ist eine Pilzart, die Roggen befällt und im Mittelalter massenhaft zu gefürchteten und häufig tödlichen Vergiftungen führte. Der Verzehr von mutterkornvergiftetem Brot führt zu Krämpfen, Zittern und Wahnvorstellungen.

Von Mutterkorn Vergifteter. Darstellung auf dem Altar von Isenheim, vom Rennaissance-Maler Matthias Grünewald. (Bild: Wikimedia Common License)

Ein Geschichtsprofessor der Michigan State University, Prof. John Waller, stimmt der Mutterkorn-Theorie jedoch nicht zu. Denn:

Laut allen zeitgenössischen Berichten über beide Ausbrüche tanzten die Betroffenen. Von Krämpfen ist nicht die Rede."

Auch eine andere Theorie, laut der die Opfer Mitglieder eines häretischen Tanzkults gewesen wären, hält Prof. Waller für unzutreffend. Es gäbe schließlich keinerlei Hinweise, dass es der (freie) Wille der Betroffenen gewesen wäre, sich dem Tanzphänomen anzuschließen.

Prof. Waller hat eine eigene Theorie aufgestellt: Er ist der Meinung, dass die Tanzplage sowie auch die Besessenheitsepedemien in den Nonnenklöstern klassische Fälle von Psychogenen Massenkrankheiten seien. Die Plagen wären demnach das Ergebnis von religiöser Angst und Depression.

Die Regionen, in denen die Plagen auftraten, hatten zuvor verheerende Hungersnöte, Ernteausfälle und dramatische Fluten erlebt. Waller glaubt deshalb, dass Nervosität, Angst, Depression und Aberglaube die Menschen anfällig für unfreiwillige Trancezustände gemacht hatten.

 

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