Loyalitätskonflikte in China: Ist die Liebe zum Kind oder die Partei wichtiger?

10-08-2016 00:34:14 Autor:   Visiontimes Kategorien:   Gesellschaft , Menschen

(Bild: University of the Fraser Valley via flickr/ CC BY 2.0)

Ideologie, Lüge, Loyalität und Gewissen: Das Verhalten einer Beamtin der KPCh (Kommunistische Partei Chinas) wird auf Weibo, einem chinesischen sozialen Netzwerk, heftig diskutiert, weil sie sich in sozialen Medien gegen die Verbreitung westlicher Werte in chinesischen Klassenzimmern einsetzte – ihren eigenen Sohn aber nach Kanada aufs Internat schickte. Was ist der Hintergrund für dieses widersprüchliche Verhalten?

Lin Yu Hong ist die stellvertretende Leiterin der Internet und Multimedia Abteilung der Kommunistischen Jugendliga. Über ihren Account bei Weibo, dem chinesischen Pendant zu Twitter, attackierte sie Stimmen, die der chinesischen „Ein-Parteien-Regierung“ gegenüber kritisch eingestellt sind.

Doch sie stellt noch mehr online, zum Beispiel Informationen über den Aufenthaltsort ihres Sohnes. So kam, was kommen musste: Internetnutzer stellten einen Widerspruch fest, den Lin Yu Hong am 3. August 2012 in Weibo veröffentlichte:

Am Flughafen. Habe gerade meinen Sohn verabschiedet. Heute fliegt der Kleine zum Studieren alleine nach Kanada. Er winkte nochmal sorglos mit der Hand, dann drehte er sich um. Ich musste weinen, aber er sah genauso aus wie zu Beginn jedes anderen Schuljahres. Ich habe keine Ahnung, wann wir uns wiedersehen werden.

Bevor sie ihren Sohn ins Ausland zur Schule schickte, besuchte er eine teure internationale Schule in China. Hinzu kommt, dass zwei ihrer Neffen in Kanada auf ein Internat gehen.

Nachdem die Beamtin Ziel der wachsamen Internetaugen wurde, entfernte sie alle relevanten Posts. Zu diesem Zeitpunkt waren davon jedoch schon längst Bildschirmfotos gemacht worden, die fleißig im Internet kursierten.

Normalerweise wäre es ja auch keine große Sache, den Sohn zur Schule ins Ausland zu schicken. Nur von Lin wollte man das nicht akzeptieren, da sie ja andere dafür kräftig kritisierte. Sich westliche Werte zu eigen zu machen oder gar China zu verlassen schien eine Art Kapitalverbrechen zu sein. Letztes Jahr noch verbreitete sie über ihren Weibo Account die Bildungspolitik der KPCh:

Der Leiter des Bildungsbüros Yuan Guiren betonte gestern noch einmal, dass das Management des Bildungsmaterials verstärkt werden muss. Unterrichtsmaterial, das westliche Werte verbreitet, soll aus Klassenzimmern verbannt werden. Im Unterricht soll es keine Reden geben, die Parteiführer verleumden oder ein negatives Bild der Gesellschaft verbreiten. Reden, die Gesetz oder Verfassung missachten, können nicht verbreitet werden. Lehrern ist es nicht erlaubt, sich zu beschweren oder Frustration zum Ausdruck zu bringen und eine negative Energie an die Schüler weiterzuleiten.

Äußerungen wie „Scheinheiligkeit!“ und „Heuchelei!“ waren die Reaktionen im Netz. Einige meinten aber auch, Lin sei eine gute Mutter, die ihren Sohn mehr liebt als die Partei.Was hat das zu bedeuten?

Ein Kommentar schlug besonders heftige Wellen im Netz. Darin heißt es:

Hallo, Abteilungsleiterin Lin. Ich habe drei Fragen an Sie: 1. Sie schicken Ihren Sohn in ein kapitalistisches Land. Haben Sie das Vertrauen in Chinas Schulsystem verloren? 2. Wie teuer ist die Schule in Kanada? 3. Haben Sie und Ihr Mann neben ihrem normalen Einkommen weitere Einnahmen? Abteilungsleiterin Lin, anstatt mich als Teil böser Kräfte zu bezeichnen, können Sie auf diese Fragen antworten? Wir, das Volk, können Sie im Zentralen Disziplinarkomitee anzeigen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit."

Schließlich sah sich Lin zu einer Antwort gezwungen. Ihre Hauptaussage lautete:

Die Bildung im Ausland hat eine höhere Qualität als bei uns. Es ist normal, Kinder ins Ausland zur Schule zu schicken. Was sie lernen, ist das Wissen; es sind nicht die Werte.

Die Aussage von Frau Lin wirft viele Fragen auf. Was macht die bessere Qualität der Bildung im Ausland aus? Was sind aus ihrer Sicht die „westlichen Werte“, die ihr Kind nicht lernen sollte und was könnte so schlimm an ihnen sein? Wo kann man im Ausland Wissen ohne Werte erwerben und was für einen Sinn hat das für eine Bildungseinrichtung? Welche Werte sind für Frau Lin wichtig und werden in China an die Kinder weitergegeben?

Das heutige Bildungssystem in China ist von Leistungsdruck gekennzeichnet, der durch Schule, Gesellschaft und Familie erzeugt wird, aber auch durch maschinennartiges Lernen und Ängste, Ängste, Ängste. Viele Kinder sind dem nicht gewachsen und flüchten in den Tod. Suizid ist unter Schülern weit verbreitet und bei jungen Menschen die Todesursache Nummer 1 – vor Krankheiten und Unfällen. Laut Untersuchungen der Chinesischen Gesellschaft für mentale Gesundheit machten diese Todesfälle in der Altersgruppe 15 bis 34 Jahre im Jahr 2013 26 Prozent aus. Auf alle Altersgruppen bezogen liegt Suizid auf Platz fünf der Todesursachen in der VR China.

 

Ein chinesisches Pärchen. (Quelle: pixabay / CC0 Public Domain)

 

Laut Pekinger Erziehungswissenschaftler, die sich im Jahresbericht zur Bildung und Erziehung 2014 endlich auch dem Tabuthema Suizid widmeten, kam es 2013 zu mindestens 79 Selbstmorden unter Schülern, darunter 40 unter den 13- bis 16-jährigen Pubertierenden. Der Großteil der Schüler, die sich das Leben genommen hatten, litt schon länger unter großer Angst, in dem auf Pauken und Bestnoten ausgerichteten Erziehungssystem zu versagen. Verzweiflungstaten, getrieben durch Kritik ihrer Eltern und Streit mit Lehrern.

Die Welt schreibt in einem Artikel dazu: „Da gibt es Schüler, die gezwungen werden, um 5:40 Uhr aufzustehen und einen Unterricht mit Überstunden zu überstehen. Musische Fächer und Sport, die in der Regel für Ausgleich und Entspannung sorgen sollen, fehlen oft oder werden nur eingeschränkt angeboten. Die meisten Schulen sind stark überbelegt: Eine Mittelschule in der chinesischen Provinz Henan steckte mehr als 100 Schüler in eine einzige Klasse. In Deutschland sind es in der Regel höchstens knapp über 30 Kinder. Schulen in der Stadt Wuhan hängten Rankinglisten mit den Noten aller Schüler aus, präsentierten die Namen der "Versager" öffentlich. Solche diskriminierenden Praktiken sind verbreitet. Die Angst zu versagen, der ständige Leistungsdruck und Lernstress in der Schule, im Durchschnitt nicht mal sechs Stunden Schlaf – Chinas Schüler können nicht mehr.“

So erzeugt einerseits das Ausbildungssystem des Landes Stress. Es treibt Millionen Schüler zu Höchstleistungen an. Alles nur, damit sie am Ende eine zentralisierte, landesweite Hochschulaufnahmeprüfung bestehen können. Dieser dauerhafte Lernstress „raubt in schwerwiegender Weise Chinas Jugendlichen den Schlaf“, heißt es im Jahresbericht.

Denn den bisherigen Führern des Landes ging es nicht darum, dass es dem Volk gut geht, sondern darum, mit fähigen, gut verwertbaren Arbeitskräften die Wirtschaftskraft des Landes zu erhalten und so auch die eigene Machtposition und die Macht der Partei aufrechtzuerhalten. Es ging ihr nie um einen ganzheitlichen Ansatz, den Menschen entsprechend seiner Neigung, seinen Vorbedingungen und seinen Möglichkeiten für sich selbst sorgen zu lassen und ihm gleichzeitig entsprechend der genannten Punkte zu ermöglichen, sich produktiv in die Gesellschaft einzubringen. Diese Selbstentfaltung würde dem Grundbedürfnis entprechen, schöpferisch und sinnhaft handeln zu wollen. Stattdessen soll durch Druck und hohe Anforderungen das Bildungssystem das Maximum aus den Schülern herausholen um später gut funktionierende Arbeiter zu gewinnen, ein gewisser Verlust oder Ausschuss an Menschen die dabei auf der Strecke bleiben, wird dabei anscheinend in Kauf genommen.

Andererseits üben die Familien Druck auf ihre Schulkinder aus, möchten doch viele ein Vorzeigekind haben, mit dem sie bei Nachbarn und Verwandten Bewunderung ernten können und das später, natürlich wirtschaftlich und sozial gut gestellt, für sie sorgen kann. Zu Hause und in der Schule drehe sich daher für die Schüler alles nur noch darum, wie gut oder schlecht sie von einer Zwischenprüfung zur nächsten abschneiden.

Ist es also bei der momentanen Lage des chinesischen Bildungssystems verwunderlich, dass Familien, die es sich leisten können, ihre Kinder zur Ausbildung ins Ausland schicken? Was wäre, wenn Frau Lin sich tatkräftig für Veränderungen des Bildungssystems einsetzen würde anstatt die Politik der kommunistischen Partei weiter zu unterstützen? Wer würde sie dann noch dafür kritisieren, ihr Kind ins Ausland zu schicken? Alles hat seine Gründe und zeigt auf, in welchem schlechten Zustand die chinesische Gesellschaft ist.

 

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